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Kurse für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Wildnisreisen, Schulprojekte, Vogelwanderungen, Regionale Wildnisgruppe

Erfahrungsberichte

Erfahrungsberichte

Praktikumsbericht von Magdalena Aicher

Praktikum in der
Wildnisschule Hoher Fläming

von Magdalena Aicher

vom 31.07.2015 – 05.08.2015

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An die Spurenleser auf dem Sensthof (am 7.3.2015 ) – eine philosophische Betrachtung.

Spuren Lesen ist eine Philosophie(nach Duden: Wissenschaft von der Erkenntnis des Sinns des Lebens, der Welt und der Stellung des Menschen in der Welt).
Spuren sind Vergangenheit.
Spuren führen in die Gegenwart.
Spuren in die Zukunft können nur gedacht werden.
Eine Spur hat immer einen Anfang und ein Ende.
Wer fremde Spuren sucht und lesen kann, hat es leichter, seine eigene Spur zu finden und zu lesen.
Die eigene Spur ist sein Leben. Sie scheint oftmals von der Zeit verwaschen und verweht. Aber der geübte Fährtenleser ahnt sie und sorgt dafür, daß sie wieder sichtbar wird, bevor sie ganz ausgelöscht wird.
Beim Zurückverfolgen seiner Spur findet er viele Erkenntnisse über seine Existenz. Seine Spur führt nach innen – zum Verständnis seiner selbst.
Auf der Sinnsuche beginnt er, seine Spur in die Zukunft zu bedenken und bewußter anzulegen. Er sieht auch das Ende – das endgültige – seiner Spur.
Er versucht, eine Spur anzulegen und zu hinterlassen, die andere Spurenleser finden sollen und sie in Wertschätzung fortführen möchten.
Und deshalb, ihr Spurenleser, übt ihr hier und jetzt das Lesen, damit ihr auch Eure eigenen Spuren erkennt.

(Dieter Wankmüller, 7.3.2015)

Praktikumsbericht von Jacqueline Dölle

Mein Praktikum in der
Wildnisschule Hoher Fläming

– Jahrespraktikum auf der Suche nach mir selbst –

1. März 2014 bis 28. Februar 2015
von Jacqueline Dölle

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Begegnung mit einer sterbenden Elster

Eine neue Verbindung habe ich seit einiger Zeit zu Krähenvögeln. Auch die Geschichte mit der Elster, an dem Tag an dem ich Dich anrief, trug dazu bei. Du empfahlst mir ja, die sterbende Elster hoch zu nehmen und zu sehen, ob sie „aufgibt“ und sie in diesem Fall dabei versuchen zu unterstützen zu „fliegen“ oder ob sie kämpft…wenn ich Dich richtig verstanden habe…

Ich habe sie also tatsächlich aufgehoben, am Bürzel war sie etwas von den Rabenkrähen angepickt worden, der rechte Flügel wirkte etwas lahm, war aber nicht gebrochen. Der Grund, warum sie nun auf dem offenen Feld lag erschloss sich mir nicht. Möglicherweise wurde sie vom Habicht oder so im Flug angegriffen aber nicht richtig geschlagen. Es war einer der ersten Tage, an dem ein eisiger Ostwind pfiff, bitterkalt und die Elster blutete leicht aus dem Schnabel. Sie ließ sich ohne Gegenwehr hochnehmen, ich bedeckte mit der Handfläche ihre Augen. Sie war ganz ruhig, aber das Leben war noch stark in ihr und das Herz klopfte regelmäßig und unaufgeregt.

Zuerst beobachtete ich ihr Gefieder. Wie wunderschön eine Elster doch ist. Dann sah ich mir ihren abgewetzten und großen Schnabel an, ihre Füße, die sich an meiner Lederjacke festhielten. Immer mehr, mit der Zeit, wurden ihre Füße lockerer, sie zog die Beine an und ließ den Kopf immer mehr in meine Hand sinken. An dem Ort ist die Aussicht wunderbar, ich sah über die Wiesen und Felder und auf den sich am Horizont erstreckenden Wald. Es war echt kalt. Erst versuchte ich der Elster zuzuhören, dann habe ich die Weite genossen und mich ziemlich verbunden mit ihr gefühlt. Anfangs war ich mir unsicher, ob es zusätzlichen Stress auslöst, wenn ein Mensch sie in der Hand hält, dann aber teilte ich ihr mit, dass ich einfach da bin, ich sie unterstützen mag und für sie bin, nicht gegen sie. Entspannung machte sich in meiner Brust breit und ich hatte das Gefühl von einer Kommunikation. Für mich besteht Kommunikation auf jeden Fall aus der Resonanz. Also meinte ich, dass sie vielleicht ähnlich fühlt. Sie hob jedenfalls etwas ihren Kopf und ich nahm die Hand von ihren Augen, da ich das Gefühl hatte, sie lässt gerade los und soll doch die frische Luft atmen. Zuvor hatte sie die Augen stets geschlossen, nun aber öffnete sie sie auch und blickte mich an und dabei hatte ich das Gefühl, dass sie in diesem Moment wirklich feststellte, dass ich nicht gegen sie bin. Es war definitiv eine Begegnung von uns. Im darauf folgenden Moment flog eine andere Elster über uns hinweg und zeichnete einen Kreis am Himmel und krächzte einen Ruf, den ich zuvor noch nicht von Elstern wahrgenommen hatte. Ich dachte jedenfalls, sie würde mich jetzt als Elsternfänger beschimpfen und warnen, so wie Dohlen es tun, wenn man vor ihnen mit etwas schwarzem in ihrer Größe herumwedelt. Aber der Ruf dieser Elster hatte, glaube ich, nichts mit mir zu tun. Stattdessen empfand ich etwas wie eine Verabschiedung zwischen diesen beiden Individuen. Darauf hin lies die sterbende Elster ihren Kopf wieder hängen, es tropfte Blut aus ihrem Schnabel auf meine Weste und kurz darauf kackte sie auch. Ich glaubte es war der Moment, an dem sie starb….aber sie tat es nicht. Nun war es so, dass ich schon lange bei ihr war. Für mich war es gefühlt Zeit zu gehen. Also gab ich ihr alle meine Wünsche und freundschaftliche Bekundungen mit und legte sie an einen windgeschützten Ort, gleich in der Nähe wo ich sie fand. Mir fiel das Fortgehen nun viel leichter als vorher. Und ich denke, wenn sie nicht der Fuchs holte, starb sie sicherlich kurz darauf von selbst. Am nächsten Morgen lag ihr Körper jedenfalls nicht mehr vor Ort. Andere Fußspuren waren nicht zu sehen.

Am Abend blieb eine Restunsicherheit, ob das alles nur in mir war und ich sie, im Extremfall, sogar „missbraucht“ habe, in dem alles Entspannende nur in meinem Kopf war und sie einfach eine scheiß Zeit hatte… aber ich konnte mich doch recht schnell davon lösen, denn ich war mir einer Kommunikation sehr sicher und wieso sollten wir so unterschiedlich gefühlt haben? Das kenn ich sonst nicht, dass sich eine Person wohl fühlt mit einer anderen, während diese es kacke findet.

Aber selbst, wenn alles nur in mir war, dann ist meine jetzige Verbindung zu Elstern auf jeden Fall eine andere und eine Elster nicht mehr bloß einfach eine Elster. Und darüber freue ich mich.
Danke für Deine Empfehlung und das Zuhören jetzt.
Timm Büscher (Teilnehmer der Weiterbildung „Die Kunst des Fährtenlesens“)

Mentor

Ich sitze auf einem sanften Hügel, an eine junge Birke gelehnt. Der letzte Winter war mild. Das Gras vom letzten Jahr steht noch hoch. Die Sonne scheint, es ist angenehm warm. Nicht nachdenken, einfach kommen lassen. Paul hat gesagt, schließt die Augen und lasst euren Mentor zu euch kommen.

Augen schließen und entspannen klappt gut. Doch sofort beginnt das Nachdenken. Sollte ich mich für den Dachs entscheiden, der in der Nähe meines Sitzplatzes wohnt? Ich finde den Dachs toll und würde ihn gern mal sehen und kennenlernen. Stop. Nicht Nachdenken, hat Paul gesagt. Also noch mal. Ich höre den Wind rauschen, kann den Frühling riechen. Hm, der Dachs… Nochmal.

Jemand anderes erscheint, und schaut mich an. Ja, ein schönes Tier. Spannend… Stopp. Nochmal.
Wieder diese Präsenz, diese Schönheit. Kindliche Neugier erwacht. Soll es dieses Tier sein? Was könnte passieren? Ich denke, das ist doch Jugendlicher Leichtsinn. Aber die Neugier wird stärker.

Erst mal hinlegen, den Wald und die Sonne genießen. Schön. Ich mache mich auf den Weg. Auf allen vieren. Schnüffel hier, rieche dort, versuche über das Gras zu schauen, entdecke einen Wildwechsel und laufe los. Ich folge den Wechseln, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Plötzlich entdecke ich etwas weißes, das mich anzieht. Ein Schädel. Wie auf dem Präsentierteller liegt der plötzlich da. Ok. es macht Spaß und meine Neugier beflügelt mich. Also warum nicht, sage ich mir. Immerhin wohne ich in einer Gegend, die von Wölfen umringt ist.

 

Dachsmilch
Ich liebe die Dachsmilchgeschichte und höre gebannt zu. Bis zu dem Moment, wo Paul sagt, geht los und findet eure Dachsmilch. Mir rutscht das Herz in die Hose. Was hab ich mir da ausgesucht …

 

Die erste Begegnung

Ich befinde mich in einem Industriegebiet. Teilweise verfallene Hallen sind um mich herum. Ich bin unterwegs auf der Suche. Was ist meine Bestimmung? Was soll ich tun, um Zufriedenheit mit dem was ich täglich mache zu finden? Ich bin also unterwegs. Auf einem beleuchtetem langen Gang. Keine Menschenseele ist zu sehen. Da rennt etwas an mir vorbei. Ich kann den Windhauch spüren, es fast berühren. Diese Kraft, diese Präsenz. Ja, er ist es. Ich sehe dem Wolf hinterher, wie er am Ende des Ganges verschwindet. Ich kann es kaum fassen, er ist mir begegnet. Ich freu mich total, und während ich noch da stehe und mich freue, kommt er zurück. Wieder sehr schnell. Diesmal kann ich in seine Augen schauen. Dann wache ich auf. Mein Herz schlägt schnell. Die Präsenz ist noch da.

 

Der Weg
Wir haben uns also in die lange Sommerpause verabschiedet. Vor uns liegen 3 Monate und die Aufgabe, unsere Dachsmilch zu finden.
Wie stellt man das jetzt an? Wie finde ich einen Wolf? Dazu ein Haar und ein Foto von ihm? Ich merke, dass ich zunächst die Landschaft besser kennen lernen muss. Da meine Zeit knapp ist, beginne ich mit dem Fahrrad, wann immer es sich anbietet, die Gegend zu erkunden.
Wie könnte das Tier leben? Welche Landschaft passt am besten? Wie ist es überhaupt, einem Wolf im Wald zu begegnen?
Als „Trockenübung“ fahre ich zu dem Kunstwerk „Wölfe“, um mal zu sehen, wie es so aussieht, wenn ein Wolf im Wald steht. Ganz schön groß, und präsent. Ich nähere mich vorsichtig. Stehe zwischen ihnen. Versuche einen zu berühren. Angst kriecht in mir hoch. Die Vorstellung so einem Tier zu begegnen, löst ein Kribbeln in mir aus. Ich denke, ich will dem Wolf ja nicht nur zufällig begegnen, sondern ich werde ihn suchen, ihm folgen. Die Angst wird stärker. Ich bekomme weiche Knie und ein flaues Gefühl in der Magengegend. So kann ich ihm nicht begegnen.
Ich denke noch eine Weile darüber nach, merke, diese Angst nimmt mir meine Präsenz. Ohne Angst bin ich sicher. Ohne Angst wird er mir nichts tun, wenn wir uns treffen. Ich brauche keine Angst zu haben. Wir sind beide Wesen dieser Welt. Die Mythen und Geschichten sind da, doch sie haben nichts mit der Realität zu tun. Oder vielleicht doch ein wenig?

Ich habe 2 Wochen Urlaub. Eine davon reserviere ich für mich und die Dachsmilch. Der Urlaub fängt damit an, dass ich ihn um einen Tag verschieben muss. Also nehme ich mir das Wochenende davor als Ausgleich und fahre los. In den Wald. In die Nähe des Truppenübungsplatzes Altengrabow. Auf der Karte suche ich mir das größte Waldstück aus, mein Rucksack ist voller Proviant. Der Schlafsack ist im Auto. Mein Telefon hat eine Wander-App. Es kann also losgehen.
Nachdem ich etwa 2 Stunden im Wald unterwegs bin, merke ich, dass ich noch nie in meinem bisherigen Leben allein durch so viel Wald gewandert bin. Eine schöne Erfahrung. Nach 3 Stunden werde ich müde und lege mich unter einem Warnschild des Truppenübungsplatzes zum Schlafen an den Wegrand. Nachdem ich wieder unterwegs bin, folge ich zufällig den Wildwechseln und Wegen und komme mir vor wie ein Scout, der eine völlig neue Gegend erkundet. Wald kannte ich schon, aber so viele verschiedene Eindrücke am Stück, das ist neu. Irgendwann komme ich an einer mir bekannten Kreuzung an und bin kurz darauf am Auto. Wild habe ich keins gesehen, frische Spuren auch nicht. Also studiere ich am Abend erneut die Satteliten-Bild-Karten der Umgebung und suche mir neue Ziele für meine nächsten Streifzüge. Ich suche nach viel zusammenhängenden Wald und Wasser. Ich lese noch, dass ein Wolf etwa 20km am Tag zurücklegt. Ich habe 14 geschafft.
Als nächstes erkunde ich das Naturschutzgebiet „Fläming Buchen“ mit einem schwind Bach mittendrin. Das Bachbett habe ich gefunden, der Bach ist verschwunden und hat in einer Pfütze einen kleinen Barsch hinterlassen, den ich zu einer größeren Pfütze bringe. Das erste Tier, das ich also zu Gesicht bekomme ist ein Barsch, mitten im Wald. Immerhin auch ein Raubtier.
Als ich in den Ort zurückkomme, in dem mein Auto steht, sitzt da ein alter Man vor seinem Gartentor. Wir sprechen übers Wandern, das Wetter, den Wald. er erzählt mir, dass es hier Wölfe gibt, und er schon 3 auf einmal gesehen hat. Gleich hinter seinem Haus. Ich traue mich nicht zu sagen, dass es genau das ist, wonach ich suche. Mein Herz klopft.
Da ich auch diesmal nicht die erhofften Spuren gefunden habe, bitte ich Paul um Tipps. Er bestätigt meine Überlegungen zum Lebensraum und zur Lebensweise, und gibt mir den Rat, …“mach zuerst Sitzplatz und stelle deine Frage. Dann lass sie gehen, damit die Antwort kommen kann. Dann geh einfach los und denk nicht mehr an die Frage.“ Kurz zuvor habe ich von einer befreundeten Naturheilpraktikerin den Hinweis bekommen, dass sich meine Nerven freuen, wenn ich auch mal planlos durchs Leben gehen würde. Dazu empfiehlt sie mir ein homöopathisches Mittel aus Wolfsmilch. Gut, genau die suche ich ja gerade.
Dann kommen erst mal 2 Tage mit Arbeit in Berlin, einer Nachtschicht und ´ner Tour durch Brandenburg um Baumaterial für unsren Hof zu besorgen.
So, da bin ich wieder. Der alte Mann sitzt auf der Bank neben seinem Gartentor und grüßt mich freundlich. Diesmal mit Sitzplatz, der Frage ..“kann ich eure Suren finden?“ und keinem Plan. Alles läuft gut. Schon nach kurzer Zeit stehe ich an einem Bachlauf, der nicht in meiner Wander-App auftaucht. Ich gehe weiter, übe fleißig den Fuchsgang, lausche den Vögeln, atme die Luft, spüre den Wind, freue mich über die warme Sonne. Irgendwann sitze ich wieder an einer Kiefer und beobachte einen Specht, wie er jeden Baum nach Nahrung absucht und mit vollem Eifer die Kiefernrinde durch die Gegend schleudert. Wie er die Stämme hoch und runter läuft. Ich werde müde und schlafe ein.
Nach dem wunderbaren Mittagschlaf, mach ich noch ein wenig Sitzplatz und nehme meine Umgebung wahr.Holistisches hören, nennt man es wohl, wenn sich plötzlich die Schranken öffnen, und die gesamte Umgebung hörbar wird. Vorne, hinten, oben, unten, alles wird präsent. Ich bin plötzlich nicht mehr zu Gast im Wald, ich bin ein Teil davon geworden. Im Eulenblick sitze ich da, und nehme mit allen Sinnen meine Umgebung wahr. Ich bin im Augenblick angekommen, ein Teil davon. Die ständigen Gedanken sind ausgezogen, es gibt nur noch mich und den Moment. Der Moment in dem ich eine Ahnung davon bekomme, im hier und jetzt, einfach zu sein. Fäden, die ich als Kind fallen ließ, sind plötzlich wieder da. Bereit zum Anknüpfen an die Gegenwart. Experimente aus meiner Jugend, in der wir mit verschiedenen Drogen versucht haben unsere Wahrnehmung zu verändern, die aber nur tiefe Verunsicherung hinterließen, weil der Rahmen und der Weg nicht stimmten, geben plötzlich Antworten nach denen ich lange gesucht hatte. Ich erahne eine Wahrheit, die nicht menschlicher Herkunft ist, die von den unzähligen Wesen und Kräften in meiner Umgebung stammt, deren Teil ich gerade geworden bin. Ich stehe an einer Tür die sich gerade geöffnet hat, und ich darf einen Blick hinein werfen, in die Zauberwelt dessen, was wir einfach Natur nennen.
Eigentlich will ich mich in das Dickicht der Verjüngung gegenüber schlagen. Da höre ich lautstarken Vogelalarm vom Eichelhäher rechts von mir. Da muss etwas sein. Ich bewege mich in die Richtung aus der ich den Alarm gehört hatte. Ein heller Fleck an einem leichten Hang weckt meine Neugier. Weißer Sand, mitten im Wald, das muss ich mir näher ansehen. Als ich die letzten Meter durch Gestrüpp hinter mir gelassen habe und nur noch eine Armlänge von Sand entfernt bin, durchfährt es mich wie ein Blitz. Eine Spur. Sehr deutlich. Mir ist sofort klar, dass ich hier vor meiner ersten selbst gefundenen Wolfsspur stehe. Der Blick ist nun vollständig auf den Sandfleck offen. Mittendrin ein Eingang. Der Eingang deutlich von einem großen Tier mit scharfen Krallen bearbeitet. Der Aufgeworfene Sand sieht noch frisch aus. Neben der ersten Spur sehe ich noch weitere. Dazu noch kleinere Abrücke der gleichen Art. Mein Herz schlägt und steht zugleich. Meine Kopfhaut kribbelt. Meine Sinne arbeiten mit 200%, alle zugleich. Stehe ich hier vor einem Wolfsbau? Sind da vielleicht Jungtiere drin? Was, wenn die sich bedroht fühlen? Ist die Mutter in der Nähe? Wenn ja, haben mich die Tiere sicher bemerkt. Ruhig bleiben. Wahrnehmen. Ich bewege mich äußerst vorsichtig. Wie war das noch gleich, ein Haar finden. Ok, ich folge einem Wechsel der vom Bau wegführt. In Schlangenlinien, hieß es, sind Wolfs-wechsel. Dort geht es unter einem umgestürzten Baum hindurch. Ich schaue mir das genauer an. Beim dritten Mal hinsehen, finde ich die zwei Haare, die an der Borke hängengeblieben sind. Ich freue mich. Eine Zutat für die Dachsmilch habe ich. Jetzt bewege ich mich, aufs äußerste wach, vorsichtig zurück zum Bau. Ich will noch ein paar Fotos machen. Vorhin ging das einfach nicht.
Irgendwann treffe ich wieder auf ein bekanntes Wegstück. Da kommt die Pfütze, an der ich zu Beginn meiner Wanderung vorbei kam. Und wieder. Bam. Da sind sie. Die Spuren. Schön im Matsch abgedrückt. Ich zeichne die schönste. Ich weiß gar nicht, wie ich diese Aufregung aushalten kann. Während ich also hier im Wald unterwegs war, waren die Wölfe auch hier. Unsere Wege haben sich mehrfach gekreuzt. Ich sehe es vor mir im Matsch der Pfütze, in der am Morgen noch keine Spuren waren, das weiß ich genau. Ich habe es gesehen.Das ist real, keine Einbildung, kein Traum.
Ich folge den Spuren. Sie tauchen immer wieder auf dem Weg auf und führen zu den Bachlauf, den ich morgens entdeckt hatte. Etwa hundert Meter vor dem Dorf, wo mein Auto steht, verschwinden sie wieder im Wald.
Der alte Mann schaut sich bewundernd die Pilze von Wanderern an, die sie aus dem Wald mitgebracht haben und stolz präsentieren. Auf der Straße spielen zwei Kinder. Ich grüße freundlich und starte mein Auto.
Danke für diesen Tag.

 

Der Wolf
Letze Nacht ist er mir wieder begegnet. Ich habe vom Wolf geträumt. Diesmal haben wir uns im Wald getroffen.
Mir ist klar, wo ich meine Suche fortsetzen werde. Diesmal bin ich jedoch an einer anderen Stelle gestartet. Zur Begrüßung gab es einen Harvester und Waldarbeiter. Auch im Wald unterwegs ist die Frage …“ kann ich euch sehen?“ Ich genieße das planlose umherstreifen. Wann immer es mir gefällt mache ich eine Sitzplatzpause und tauche in die Umgebung ein. Mal ist ein kleiner Vogel, der mich eine Weile führt, mal sind es die Wechsel, die sich unzählig vor mir ausbreiten. Ich ziehe einen weiten Bogen durch den Wald.
Ich komme wieder an die Stelle, wo der Bau war. Ich setze mich in guter Entfernung auf einen Baumstumpf und beobachte die Stelle. Irgendwann werde ich wieder Müde und schlafe ein wenig. Nach dem ich aufgewacht bin sehe ich mir meine direkte Umgebung näher an. Etwa zwei Meter neben mir ist ein Schlafplatz im hohen Gras. Ich sehe genauer hin, und finde weiß-graue, sehr feine Haare. Hat hier ein Wolf geschlafen?
Ich merke, dass meine Fuchsgang Fähigkeiten nicht ausreichen um mich irgendeinem Tier, außer ein paar neugierigen Vögeln, zu nähern. Also probiere ich die verschiedensten Sitzplätze mit guter Sicht aus. Leider bleibt mir alles in meinem Rücken verborgen, und ich höre ständig Signale der Vögle aus ecken, die ich nicht sehen kann. Da kommt mir die Idee, auf einen Baum zu klettern. Von dort hat man sicher eine gute Rundumsicht. Der Baum ist schnell gefunden und die ersten Äste erklommen. Tatsächlich. Es ist gar nicht so schlimm unbequem. Ich kann viel mehr und auch weiter sehen. Super.
Den Fotoapparat im Anschlag warte ich darauf, dass etwas passiert.
Doch es passiert nichts. Auch von hier oben kann ich die Ursache für die vielen Vogel Signale nicht entdecken. Im Baum schlafen ist sicher noch keine gute Idee. Dazu braue ich noch etwas Übung.
Inzwischen ist es Abend geworden. Meine Uhr sagt mir, dass es in einer halben Stunde dunkel wird. Vor mir sind noch etwa sechs Kilometer bis zum Auto. Ich sollte mich auf den Heimweg machen. So einen Wolf zu sehen ist ja schließlich extrem unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie wenige Wölfe sich auf mehreren Quadratkilometern Wald bewegen.Immerhin habe ich die Spuren gefunden, und zwei Haare, und diese Momente im hier und jetzt, die mir so Wertvoll geworden sind. Na gut, noch zehn Minuten. Vielleicht passiert ja in der Dämmerung was.
Da, wieder ein Vogel Alarm und ein knacken im Unterholz. Ein Damwild springt aus dem Gebüsch. Wie eine Sprungfeder in hohen Sätzen. Schön, es sieht so leicht aus. Warum macht das Tier eigentlich diese Sprünge, frage ich mich. In diesem Moment kommt ein Wolf aus dem Gebüsch. An derselben Stelle, wie zuvor das Damwild. Er kommt ganz lautlos und hält an. Schaut dem Tier noch hinterher. Als wollte er nur mal sehen, was es so macht. Er scheint noch jung zu sein. Seine Schwanzspitze ist noch total weiß. Sehr groß ist er auch nicht. Während ich das Wahrnehme, tanzt mein Herz Freudentänze und ich unterdrücke den Jubel den ich herausschreien möchte so gut ich kann. Vielleicht hört er mich ja. Den Fotoapparat halte ich einfach in die Richtung und drücke immer wieder auf den Auslöser. Der Wolf steht noch einen Moment da, doch nicht unentschlossen, er steht einfach nur da. Dann verschwindet er im Nadeldickicht, ohne ein Geräusch zu machen. Dort wo tausende kleine Äste auf dem Boden liegen und nur drauf warten, dass man auf sie tritt um sie zum Knacken zu bringen. Wahnsinn, diese Klarheit, diese Präsenz. Er war wirklich da.
Er ist weg. Und auf meinem Fotoapparat ist nichts zu sehen. In der Aufregung habe ich immer nur den Autofocus in Gang gesetzt, aber nie wirklich ein Foto gemacht. Na gut, das kann ich nicht mehr ändern. Ich klettere vom meinem Baum und gehe in die Richtung wo der Wolf stand. Keine50 Meter von meinem Baum entfernt war er. Nach ein paar Metern ist sie wieder da. Die Angst. Ich bekomme weiche Knie. Plötzlich ist mir das alles zu real. War er allein? Ist er noch hier? Werde ich beobachtet? Es Dämmert schon stark, ich muss zurück. Es fängt an zu regnen. Mich überfällt eine leise Panik. Was, wenn die Wölfe das spüren? Ich laufe schneller. Jetzt bloß nicht verlaufen.
Der Regen hat die vom Harvesterzerpflügten Wege aufgeweicht. Die letzten Meter sind eine Rutschpartie im Schlamm und der Dunkelheit. Ich bin wieder im Auto. Durchatmen. Was ist mir da gerade passiert? Unglaublich.

Als ich im Frühjahr an die Birke gelehnt saß, war die Aufgabe, mir einen tierischen Mentor zu suchen einfach nur ein Spannendes Experiment für mich. Ich habe mich für den Wolf entschieden und meine Neugier hat mir geholfen, bei der Entscheidung zu bleiben. Ich dachte, ich würde viel dazu lernen, über die Natur, die Tiere, den Wolf. Das würde mir sicher helfen, einen positiven Beitrag zum Naturschutz und dem Schutz seltener Arten zu leisten.
Nicht ich, habe wie erwartet mehr über meinen Mentor gelernt, sondern er hat er mich viel mehr gelehrt als ich es je für möglich gehalten hätte. Ich bin dankbar für die tiefe Verbindung die ich aufbauen konnte. Ich bin dankbar, weil mir geholfen wurde, Zusammenhänge wieder zu erkennen, die mir als Kind ganz natürlich erschienen und mit der Zeit durch Gedankenkonstruktionen ersetzt wurden. Ich bin dankbar für die Türen die sich wieder geöffnet haben und die Türen, die ich neu entdecken durfte.
Danke

Warum es sich lohnt auf seinen Sitzplatz zu gehen

Junger Frühling in Brandenburg. Noch unbestellte Felder, angrenzend eine kleine vernachlässigte Obstwiese, dahinter dann Wald. Typischer Brandenburger Wald, viele Kiefern, durchsetzt mit Eichen und einigen Birken, dazwischen ca. vier Meter hohe Fichtenschonungen. An einer alten Eiche, genau vor einer dieser Schonungen befindet sich ein Platz, welchen ich nun seit einem Jahr regelmäßig besuche. Jeder kennt die Hochs und Tiefs im Leben. In genau solch einem Tief befinde ich mich als ich an diesem Morgen aufwache. Ich weiß, dass ich eine Entscheidung treffen muss. Entweder lasse ich mich gehen oder kümmere mich darum, dass es meiner Seele wieder besser geht, denn leider wird niemand anderes das für mich übernehmen.

Ihr hattet bestimmt einmal das Gefühl, wenn man eigentlich weiß was richtig ist, man sich aber nicht überwinden kann, weil das Abgleiten in den Sumpf doch so viel bequemer und einfacher ist.

Meist wenn ich Entscheidungen dieser Art zu treffen habe, gehe ich zu meinem Sitzplatz.

Keine vierhundert Meter von meinem Haus entfernt setzte ich mich an den Feldrand und genieße das frische Frühlingsgrün auf dem Feld, atme durch und weiß, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

Weit hinten, auf einer Anhöhe erkenne ich einen Hasen, der nach jungen Kräutern sucht. Ich ertappe mich dabei, wie ich ihn mir her wünsche, am liebsten genau vor meine Füße, um jedes einzelne Haar erkennen zu können. Versonnen verliere ich meine Gedanken und keine zwei Minuten später kommt ein zweiter Hase die Waldkante entlang gehoppelt, genau auf mich zu. Ich nehme ihn aus dem Augenwinkel wahr, absolut bewegungslos betrachte ich entzückt das Langohr. Ungefähr drei Meter vor mir hockt er sich hin und beginnt zu fressen, ich traue meinen Augen nicht, ich höre sein Schmatzen und erkenne die langen Schnurrbarthaare.

Dann beginne ich wieder zu denken …

Der Hase schlägt einen Haken und eilt hastig davon.

Ich mache mich auf den Weg zu meinem Sitzplatz. Am Feldrand entlang bis zu einem kleinen Rehwechsel welcher nach rechts einbiegt in den Wald hinein.

Von weitem schon sehe ich ein Eichhörnchen. Es sitzt auf einer Kiefer ca. 3 Meter vom Boden entfernt. Ich kenne das Tier, weiß auf welchen Bäumen es zur kleinen Fichtenschonung klettert, wo es seine Jungen aufzieht, ich weiß auch wie scheu es ist. Umso mehr verwundert es mich, dass es mich heute auf ca. zehn Schritt vorbei lässt, ohne sich laut keckernd zu beschweren.

Gleichzeitig höre ich einen Kuckuck, dieser weit oben in den Wipfeln einer schmalen, lang gestreckten Eiche, nach kurzem Suchen entdecke ich ihn und muss schmunzeln. Im letzten Frühling wurde mir das Kuckuckspaar zu engen Vertrauten, ich sah die Beiden fast täglich. Ich erzählte einigen Nachbarn vom Kuckuck, natürlich kannten alle seinen Ruf, nur hatte niemand von ihnen den immerhin Taubengrossen Vogel je gesehen.
Nicht weit vor mir erkenne ich „meine“ Eiche. Ich bleibe kurz stehen und halte inne, irgendetwas rumort in meinem Bauch. Etwas sagt mir mich nicht hin zusetzen. Oft missachte ich solche Gefühle, heute jedoch haben mich die nahen Tierbegegnungen und das Besondere das in der Luft lag genug sensibilisiert um darauf zu hören.

Schon oft dachte ich darüber nach auf eine Kiefer zu klettern die nah bei stand.

Es ist ziemlich laut da die kleineren, toten Äste unter meinem Gewicht abbrechen. Also krache ich hoch bis in den Wipfel, um dort festzustellen, dass ich nichts mehr vom Waldboden sehe, da mich nur noch Grün umgibt. Also steige ich wieder ab, bis auf ungefähr vier Meter über dem Boden und mache es mir bequem.

Langsam komme ich zur Ruhe, zu meiner Rechten ist der durchgesessene Platz vor der Eiche, hinter mir befindet sich die kleine Fichtenschonung. Nach kurzer Zeit kracht es dort.

Ich lausche genauer, Unruhe erfasst mich, das Krachen wird lauter. Dann kommt der erste Frischling, vielleicht sechs oder sieben Wochen alt in vollem Galopp aus der Schonung geschossen, dann der Zweite, Dritte… Als der Sechste und Letzte kommt muss ich zweimal hinschauen, er ist schwarz-weiß gefleckt (muss wohl irgendwann einmal Hausschwein drin gewesen sein).

Dann folgt die Bache, auch sie ist gehetzt. Vermutlich waren sie nah am Weg und wurden von Spaziergängern verjagt. Die Mutter mit ihren Jungen hält genau unter mir, sie verschnaufen kurz. Ich kann jede einzelne Borste erkennen, sehe, dass ein kleines Stück am Ohr der Bache fehlt, wie die Kleinen sogleich wieder beginnen zu spielen und sich zu raufen. Die Bache hält ihre Schnauze in den Wind, sie scheint zu spüren, dass etwas nicht stimmt. Ich sitze über ihnen und bekomme meinen Mund nicht mehr zu, es ist ein herrlicher Anblick.

Nach kurzer Zeit gibt die Mutter ein leises Geräusch von sich und ein Frischling nach dem anderen verschwindet zurück in der Schonung. Als dann die Bache auch langsam davon trabt, spreche ich sie an. Der Klang meiner Stimme lässt sie stoppen, sie blickt sich um, mir direkt in die Augen, grunzt kurz und trabt weiter.

Erfüllt mit einer unglaublichen Geschichte mache ich mich auf den Heimweg.

Vergessen sind meine Sorgen, zu sehen wie viel Leben dort draußen tobt, lässt die eigenen Probleme schrumpfen.

Ich hatte den Eindruck ein Stück vom großen Bild gesehen zu haben, die Eindrücke haben mich erfüllt mit Lebendigkeit.

Noch immer verspüre ich Dankbarkeit für dieses Erlebnis und ich hoffe es motiviert Euch raus zu gehen und eure Nachbarn kennen zu lernen, eigene Geschichten zu sammeln, sie weiter zu erzählen, Probleme schrumpfen lassen, Lebendigkeit zu versprühen…!

Erfahrungsbericht von Paul Wernicke über einen Fährtenlesekurs in Schweden

Nach einer zwölfstündigen Autofahrt erreichen wir endlich den Ort in Schweden, welcher für eine Woche unser Spurenleserparadies werden soll. Ganz im Gegensatz zu Deutschland sind hier die ersten Anzeichen des Frühlings gerade mal zu erkennen. Die Knospen der Birken sind bis zum Platzen mit Energie geladen, so, als ob sie sich jeden Moment öffnen könnten. 
Die kleine Hütte befindet sich ca. eine halbe Stunde von Ed entfernt, der nächst größere Ort. Ed liegt am Stora Le See im Dalsland. Wir richten uns ein und schaffen gerade noch einen kurzen Spaziergang am nah gelegenen See, bevor die Sonne untergeht. Am nächsten Morgen geht es los. Wir sind gespannt was uns erwartet.
 Als erstes sind einige Vorbereitungen zu treffen. Wir präparieren bestimmte Stellen auf den Sandwegen, um das Gelände herum. Dazu wird der vom Winter stark gepresste und teilweise von Frostrissen durchzogene Boden aufgelockert und wieder glatt gestrichen, denn die hart gefrorene Erde ist eher etwas für den fortgeschrittenen Fährtenleser.
 Danach richten wir eine Spurenbox her. Auf den ersten Blick ist das ein circa zweimal dreieinhalb Meter großer Sandkasten. Auch hier wird der feine, helle Sand aufgelockert und wieder glatt gestrichen. Noch haben wir keine Ahnung, wie viel uns dieser Kasten lehren wird. 
Die Stille um uns herum ist umwerfend. Kein Auto und Baustellenlärm, keine Menschenstimmen, nur der Wind der durch die kahlen Birken und hohen Kiefern weht und natürlich die vielen Vögel, die in sich in dem Gezweig an Knospen und kleinem Getier zu schaffen machen. Es ist so still, dass wir nie vermuten würden wie viel Leben um uns herum tobt.
 Durch die Kunst des Fährtenlesens werden wir davon aber einen Einblick bekommen.
 Spurenlesen ist wie das Lesen eines Buches. Die Erde ist das Papier, die Buchstaben die einzelnen Abdrücke, Spurengruppen dann Wörter, die sich zu Sätzen zusammenreihen. Sie erzählen Geschichten, lassen uns in die Vergangenheit schauen und manchmal auch in die
Zukunft. Jede Spur ist dann wie der Anfang eines roten Fadens, welcher bis zum Schluss verfolgt uns letztendlich zum Tier selbst führt. Bis dahin ist es ein weiter Weg.
 Wenn wir wahrnehmen wollen was uns umgibt und Zusammenhänge in unserer Umwelt erkennen wollen, so müssen wir still werden. Dann hören wir unsere eigene innere Stimme und beginnen auch Spuren in uns zu lesen, welche das Leben hinterlassen hat. Und so führt uns das Aufnehmen des roten Fadens letztendlich auch zu uns selbst. 
Neugierig und gespannt untersuchen wir am zweiten Tag unseren präparierten Boden. Der Dachs hat deutlich sichtbar seine Spuren hinterlassen. Irgendwie ein komisches Gefühl, keine zwanzig Meter vom Haus entfernt, läuft da dieses große Mardertier mit der schwarzweißen Maske genau durch unsere vorbereitete Stelle. Ob er mit dem Kursleiter zusammen arbeitet?

Und wenn nicht warum kam er hier vorbei? Wo wollte er hin und wie lange ist es her? War es ein Männchen oder ein Weibchen? Diese Fragen wirbelten mir durch den Kopf. 
Nun heißt es „dirt-time“, dass heißt auf die Knie und lesen lernen. Das bedeutet genau hinzuschauen und alles wahrzunehmen, erstmal ohne Wertung, das abgebrochene Sandkrumen im linken Zeh, die Kiefernnadel die leicht nach oben steht. Unser Auge beginnt Dinge in der Spur zu sehen, welche auf dem ersten Blick noch unsichtbar waren. Ich erkenne überall kleine Punkte am Spurengrund, im Ballen und in den Zehen und begreife, dass das seine Hautfalten sind. Ein perfekter Fingerabdruck. Gemeinsam finden wir dann heraus wo der Vorder- und Hinterfuß liegt, links und rechts und damit auch inwelcher Gangart er hier vorbei gezogen ist.
 Danach brummt mir der Schädel. Das genaue Hinschauen ist anstrengender als gedacht, mein Rücken tut weh. Außerdem komme ich ständig mit den Gangarten durcheinander. Wie soll ich bloß ein guter Fährtensucher werden? 
Nach einer wohltuenden Pause geht es an die Sandbox hinter dem Haus. 
In diesem Kasten wird ein perfekter Bodenzustand simuliert, um Dinge so klar wie möglich sichtbar zu machen. Wir machen Markierungen im Sand mit einem Holzstift mit verschiedenen Tiefen. Diese Spuren betrachten wir sehr genau und notieren uns die Beobachtungen. Wir werden nun täglich neue Markierungen hinzufügen. Jede auf die gleiche Art wie die Ersten. Alle Veränderungen werden wir morgens und abends genauestens protokollieren um herauszufinden welchen Einfluss Zeit und Wetter auf einen Abdruck in frischen Sand hat. Das bedeutet, dass wir Windrichtung- und Stärke, Luftfeuchte, Regen usw. ebenso beobachten müssen. Danach wird uns demonstriert was mit der Erde passiert, wenn ein Lebewesen sich bewegt. Jede Bewegung die ein Körper macht, übt Druck auf die Erde aus und jeder Druck weist auf eine bestimmte Bewegung hin. Also schauen wir, was z.B. bei einer heftigen Kopfbewegung passiert, oder bei einem leichten Nachvornebeugen. 
Ich bin fasziniert von den Miniaturlandschaften, welche im Boden entstehen. Jede erzählt ihre eigene kleine Geschichte.

Später fragte uns Gero, unser Lehrer, ob wir den Vogelalarm gehört haben, als der Sperber über unsere tief gebeugten Köpfe hinwegflog. Wir müssen verneinen. Ein Fährtensucher hat seine Aufmerksamkeit überall, nicht nur auf der Spur vor sich. Am Ende des zweiten Tages fallen wir erschöpft und erfüllt ins Bett, voller Vorfreude darauf was die nächsten Tage uns alles noch lehren werden. Unsere Leidenschaft ist geweckt. Es ist als ob sich eine Tür zu einer uns bisher verschlossenen Welt geöffnet hat.

In den nächsten vier Tagen stoßen wir immer wieder an unsere Grenzen und erleben kleine Erfolgserlebnisse. Wir lernen mit unserem Blick nicht nur auf dem Boden zu haften. Überall sind Gräser und kleine Zweige abgebissen, die einen vom Hasen, andere vom Elch oder Reh, jeder auf bestimmte Art und Weise. Wir entdecken Wolfskot und ehrfürchtig stehen wir vor einem riesigen Pfotenabdruck des vom Menschen zu Unrecht so oft gefürchteten Tieres. Wir bemerken Fressspuren an Nüssen, an Tannenzapfen, an Tierresten, finden Federn, Bauten und Betten. Jede neue Geschichte die wir entdecken macht uns deutlich, wie sehr das Leben um uns herum tobt.
 Wir lesen im Boden, dass die Hasen sich mit feinem Sand bepudern, um lästige Parasiten im Fell loszuwerden, dass der Dachs sich häufig in der Gegend aufhält, dass die Rehe früh morgens am Wegrand frische Gräser naschen, dass Birkhühner nach Nahrung suchend den Weg kreuzen und der Fuchs heimlich seine Runde dreht. 
Oft haben wir in der Dämmerung oder im Morgengrauen die Möglichkeit, die Tiere, deren Spuren wir studieren, selbst zu beobachten. Jeder für sich sucht sich eine passende Stelle um still zu werden, einfach nur zu sitzen, wahrzunehmen.
 Am vierten Abend zieht es mich zu einer großen Lichtung. Vorsichtig, ohne die Wildgänse, die Reiher und verspielten Rehe aufzuscheuchen, schleiche ich auf eine kleine Bauminsel mitten auf der Wiese zu. Für die letzten Meter brauche ich sehr lange, da die Gänse unruhig werden und ich nicht riskieren will, dass sie mit ihrem Geschrei alles Wild im Umkreis verscheuchen. Klitschnass vom abendlichen Tau komme ich an, bleibe auf dem Bauch liegen und genieße den Anblick der grasenden Rehe, die nah an mir vorbei schlendern. Es dauert jedoch noch mindestens eine Stunde, bis sie endlich erscheint. 
Plötzlich nehme ich eine Bewegung am ca. 200 Meter entfernten Waldrand wahr. Die Umrisse einer riesigen Elchkuh heben sich vom Hintergrund des Waldes ab. Sie muss schon die ganze Zeit dort bewegungslos gestanden haben um sich zu vergewissern, dass auf der Wiese keine Gefahr droht.
 Mit staksigem Gang und immer wieder sichernd kommt sie langsam auf mich zu. Nach ca. einer weiteren halben Stunde steht sie keine 25 Meter von mir entfernt, als ob sie sich mir in all ihrer Schönheit zeigen will.
 Ich höre ihren Atem, das Zermalmen von Gras zwischen ihren Zähnen und mein Herz, welches so laut schlägt, dass ich Angst habe, es wird die Elchkuh jeden Moment verschrecken.
 Lange liege ich völlig reglos da, ohne die Kälte zu spüren, ohne den Schmerz im Nacken von der starren Haltung wahrzunehmen und bin verzaubert von diesem gigantischen Anblick.
 Später am nächtlichen Lagerfeuer haben wir Zeit unsere Erlebnisse zu teilen oder einfach nur den knisternden Flammen zu lauschen.
 Pünktlich mit dem ersten Kuckucksruf brechen die Knospen endlich auf und zartes Grün wird in den kahlen Ästen der Birken sichtbar. Nun beginnt auch hier im hohen Norden der Frühling.
 Als ich meine Sachen für die Abreise packe, stelle ich fest, wie voll mein Rucksack geworden ist. Voll mit neuen Eindrücken und Erlebnissen, voll mit altem Wissen, wenn man bedenkt, dass das Fährtenlesen wahrscheinlich die älteste Art des Lesens uns Schreibens ist. Und voll mit Fragen. Ist es wirklich möglich, anhand einer einzigen Spur mehr über das Lebewesen zu erfahren, als wenn man es selbst an einem vorbei gehen sieht? Ist es möglich, mit einer Spur durch die Augen des Tieres zu sehen und zu fühlen was es fühlt?
 Seit diesem Kurs sehe ich die Welt anders, das ist sicher. Überall begegne ich faszinierenden Spuren, selbst an einer Straßenbahnhaltestelle in Berlin. Jede von ihnen ist einzigartig und immer wieder eine Herausforderung.
 Spuren des Lebens um uns herum scheinen allgegenwärtig zu sein, alles erzählt eine Geschichte, wir müssen nur wieder lernen zuzuhören.

Praktikumsbericht von Mareen Müller

Bevor ich meine persönlichen Eindrücke, meine Aufgabenbereiche und mein Motto erklären kann, ist es an dieser Stelle notwendig , einen Einblick in die Hintergründe der wildnispädagogischen Arbeit zu geben, weil damit klar wird, was die Kernpunkte in dieser Arbeit sind. Ich werde nur einen Bruchteil darstellen können, von dem was diese „Lebensweise“ bedeutet. Der Leser wird meine Worte erst ganz verstehen, wenn er sich selbst zurückbegibt in die Wildnis und den Wunsch verspürt eins mit dieser zu werden. Das Hauptziel dieser Arbeit ist es Naturverbindung, die Verbindung zu sich selbst und zu anderen Menschen zu schaffen beziehungsweise zu stärken. …

Ganzer Bericht als PDF

Geschrieben in Vorbereitung auf einen Elternabend

Thomas Wernicke, Lehrer an der „Kurt-Schwitters Schule“.

Familienangelegenheiten trieben mich am Freitag in den Norden. Ich saß im Auto meiner Schwester. Während der Autobahnfahrt erzählte ich ihr von unserem heutigen Treffen.

Ich will der Elternschaft meiner 7ten Klasse erklären, warum es für ihre Töchter und Söhne so wichtig ist, bis zur 10ten Klasse mindestens einmal pro Halbjahr mit engagierten Wildnispädagogen durch Wald und Flur zu schleichen und Sie, die Eltern, dafür das nötige Geld zur Verfügung stellen sollen.

Ich zählte auf, was alles falsch in der Institution Schule läuft. ..

Sehr schnell kamen wir darauf, was für Dinge WIR in Schule lernen mussten, die aber auch so gar nichts damit zu tun hatten, was unsere Lebenswelt damals ausmachte. Die Mehrzahl meiner Lehrer paukten in erster Linie Gehorsam. Die Erfahrungen mit unseren eigenen Kindern waren ähnlich. Bis 6 hatten sie große Erwartungen und Vorfreude auf Schule. Spätestens mit 13 wollte keiner unserer Söhne mehr dahin. Paul schon nach einer Woche: „Ich geh da nicht mehr hin…“ Lernen kann eine Strafe sein…

Am Ende sagte meine Schwester, aber – guck uns an – wir kommen mit dem Leben einigermaßen zurecht, hat Schule uns geschadet?

Nein, aber alles was wir zur Lebensmeisterung brauchen, haben wir nicht in der Schule gelernt. Die Kunst, seine Gefühle zu erkennen. Das Wissen, was einem wirklich gut tut und was nicht. Die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen und Haltung zu bewahren – schwierig genug. Den Umgang mit dem Scheitern. Das Leben als ein Geschenk zu genießen.

In 34 Lehrerjahren, unter sozialistischer und bürgerlicher Bildungspolitik, habe ich sie erlebt  – die tagtägliche Motivationslosigkeit, die Gefühle des Überfordert-seins junger Menschen.

Lernen? Bäh…
Dabei kann es doch so viel Spaß machen, mehr über die Welt und die Menschen in Erfahrung zu bringen. Zu lernen,  zu verstehen und neugierig zu sein.

Woran liegt es, dass unsere Kinder das Gefühl haben – Lernen kann eine Strafe sein?

Die Lehrpläne sind vollgepfropft.

Wenn Sie ihre Kinder am Abend über ihren Schultag befragen und diese überhaupt gewillt sind Auskunft zu geben, haben sie das Meiste von dem, was in einem langen Schultag zur Rede kam – vergessen. Es ist einfach zu viel, was sie in kurzer Zeit aufnehmen, bewerten und einordnen sollen. Dazu kommt die Angst, ein vorab in einem Lehrplan festgelegtes Problem in einer nicht von ihnen bestimmten Zeit einer Prüfung unterziehen zu müssen: Bis dahin haben sie gefälligst zu kapieren, sonst gibt es eine schlechte Note.

Vor der letzten Klassenarbeit in Deutsch sagte Naemi:  „Die Klassenarbeit ist doch total unsinnig und bringt uns gar nichts. Ich, betroffen: „Du hast Recht, leider, aber Du hast das doch bestens drauf – schreib…“ Damit ließ ich sie allein…

Wir leben im 21. Jahrhundert. In einer Zeit, in der wir mehr Wissen anhäufen als jemals zuvor. Wir wissen längst, wie Lernen funktioniert. Das erklären uns die Hirnforscher rauf und runter: Die Dinge müssen eine Bedeutung haben – sinnhaft sein. Beeindrucken. Nur das, was wirklich interessiert, merken wir uns. Nur das, was wir gern machen, machen wir gut. Wir Menschen können gar nicht anders, als zu lernen. Und ausgerechnet dort, wo diese Fähigkeit verfeinert und veredelt werden soll, wird sie vielen ausgetrieben?

Wir leben in kritischen Zeiten. Umbruch und Krisen allerorten. Die Welt ist in Bewegung. Doch unsere Schüler hocken den ganzen Tag auf ihren Stühlen. Jede Stunde ein neues Thema, jede Woche ein neuer Test. Alle paar Monate ein Wandertag, alle zwei Jahre eine Fahrt, sonst haben sie still zu sitzen.

Es gibt zahlreiche Initiativen an Schulen in der BRD, die starren Lehrpläne aufbrechen wollen.
Die Kurt-Schwitters- Schule zähle ich dazu.
Unser wildnispädagogisches Projekt stellt ein Versuchsprojekt dar.

Und wir fühlen uns bestätigt von Meldungen wie dieser: 40 Prozent der Unternehmer, von der Deutschen Industrie- und Handelskammer nach Einstellungskriterien befragt, geben an, bei Bewerbern mehr auf „gute persönliche und soziale Kompetenzen“ als auf schulische Leistungen zu achten. Ihnen sind Fähigkeiten wie Teamgeist und Rücksichtnahme, Empathie und Umsicht wichtig.

Genau hier setzen die Erfahrungen an, die unsere Kinder in der Natur lernen können. Ich habe als Beobachter, als Betreuer meiner Enkelkinder Camps in der Wildnisschule Hoher Fläming miterlebt, die glänzenden Augen der Kinder gesehen, die am Ende einer Woche ihren sie abholenden Eltern die Erlebnisse der zurückliegenden Tage geschildert haben. Mir geht es darum, dass Ihre uns anvertrauten Kinder so viele gute Erfahrungen wie möglich machen.

Richard Louv,  Journalist und einer der bekanntesten Umweltaktivisten in den USA provoziert in seinem Buch „Last child in the woods“ mit der Diagnose eines Natur-Defizit-Syndroms bei Kindern. Kinder haben aufgehört, draußen „unstrukturierte“ Zeit zu verbringen.

Er spricht von  “Indoor – Krankheit bzw. Container- Kindheit“. Kinder erleben eine »virtuelle, passive und elektronische Kindheit«, schreibt Louv.

In der Welt der klar strukturierten Nachmittagsaktivitäten gibt es kaum noch Freiräume, die zum Erforschen einladen. Louv spricht von der »Kriminalisierung des Spielens.

Schon sehr früh stoßen heutige Kinder auf Phänomene der globalen Umweltzerstörung wie Artenschwund und Klimawandel. Wenn sie über die Umwelt vor allem solches Wissen erhalten, aber sonst keine Möglichkeit haben, positive, sinnliche Naturerfahrungen zu machen, wächst in ihnen eine gefühlsmäßige Trennung von der Umwelt heran,

Immer mehr Kinder erhalten heute die Diagnose Depression oder AD(H)S oder kommen mit der Schule nicht zurecht, weshalb man ihnen immer größere Mengen Psychopharmaka verabreicht. Louv zeigt auf, dass es eine direkte Verbindung zwischen diesen Symptomen und dem naturentfremdeten Leben unserer Kinder gibt.

Kinder, die regelmäßig mit ihren Sinnen in die Natur eintauchen dürfen, sind gesünder, lebendiger und glücklicher. Hier können sie ihre Neugier und Lebenslust ausleben und lernen sich selbst besser kennen. Für viele Kinder mit der Diagnose AD(H)S – das habe ich selbst bei den Programmen im Fläming erlebt – wirkt Natur wie ein Medikament. Mit allen Sinnen können sie in der Natur ihrer natürlichen Lust nach Bewegung und Abenteuer nachgehen.

Das freie, gemeinsame Spielen hilft dabei, selber Rollen einzunehmen, Kompromisse einzugehen und Lösungen zu finden.

Das Beruhigende am angedachten Projekt: Spielen in der Natur und die Neugier für die natürliche Umgebung ist nichts, was wir erst lernen müssen. Es ist bereits in uns – und alles, was wir tun müssen, ist, jene Dinge zu verlernen, die uns davon abhalten.

Und da bin ich wieder bei dem Autobahngespräch mit meiner Schwester. Wie war das damals? Pankow City, Kissingenviertel, der Weg von der Schule dauerte manchmal Stunden, vorbeischauen an der Höhle, mit der wir den Bahndamm unterminierten, durch das Gebüsch der Vorgärten, keine Autos in unserer Straße… Da die Freunde meist kein Telefon hatten, nutzte das elterliche auch nichts, Fernsehen begann um 19 Uhr und war ein Privileg meiner Eltern. Zu Hause: Mappe in die Ecke und raus –  mit 15 noch barfuß auf der Straße Fußball gespielt.

Noch einmal Naemi:  „Ich will nicht in den Wald, da ist es  ekelig..“.

Ich kontere: Ein Sioux, spricht, wenn er in die zubetonierte, autoverlärmte und stinkende Stadt geht – er gehe in die Wildnis, die Natur wäre sein wahres zu Hause.“ Darauf Naemi: “Aber ich bleib doch lieber in der Wildnis…“

Naturgedichte eines Teilnehmers unserer Weiterbildung

Gedichte von Helmuth Engels
 

Wildnispädagogik
Angekommen, aufgewärmt,
In die Zelte ausgeschwärmt.
Nachts gefrorn und schlecht geschlafen,
Selbst die mit dem Fell von Schafen.
Fremde Menschen jung und alt,
Keiner lässt den Andern kalt,
Weil sie alle schnell erkennen,
Dass in ihnen Feuer brennen,
Die sie lernen anzufachen
Mit den selbstgeschnitzten Sachen.
Schalen brennen, Wasser suchen,
Hütten bauen unter Buchen;
Am Sitzplatz wird gleich meditiert
Und der Wald rundum studiert,
Der – wenn man still und ruhig verharrt,
Uns sein Geheimnis offenbart.
Menschen, Tiere, Sensationen –
Mittags gibt es Reis mit Bohnen.
Lecker schmeckt es allemal,
Wenn man isst in großer Zahl.
Dann heißt’s packen, putzen, gehen
Bis zum nächsten Wiedersehn.

Helmuth Engels

 

Der Umzug
Unter eines Baumes Rinde
Lebt ‘ne Mad‘, wenn ich die finde,
Spricht der Specht und klopft aufs Holz,
Bin ich ganz besonders stolz.
Gestern fraß ich den Papa,
Das Kind, das ist zum Nachtisch da.
Der Gatte tot, die Nacht voll Kummer,
Erst morgens sank die Mad‘ in Schlummer.
Jetzt fühlt sie sich im Schlaf gestört,
Als sie das laute Hämmern hört.
Sie denkt bei sich, wer mag das sein,
Wer so laut klopft, der ist nicht fein.
Es ist wohl besser, ich zieh‘ um,
Denn dieser Lärm ist mir zu dumm.
Gesagt, getan und Mad‘ und Kinde
Verließen gleich des Baumes Rinde.
Sie wohnen jetzt zwei Bäume weiter;
Der Specht verfolgt den Umzug heiter.
Gleich morgen fliegt er sie besuchen
Und freut sich schon auf Madenkuchen.

Helmuth Engels

 

Streithähne
Zwei Hähne stritten auf dem Mist,
Wer der größte Schreihals ist.
Sie wähnten sich ganz ungestört
Und haben nicht den Fuchs gehört,
Der ihren Streit ganz schnell geschlichtet,
Indem er einen Hahn vernichtet.
Der Andere kräht munter weiter,
Ganz oben auf der Hühnerleiter.

Helmuth Engels

 

Das vegetarische Käuzchen
Das Mäuschen schleppte schon seit Stunden
‘nen Joint umher, den es gefunden.
Kam ein Käuzchen angeflogen,
Schlug das Mäuschen einen Bogen.
Doch die Glut hat es verraten
Und der Kauz, der roch den Braten,
Rauschte leis heran und schnappte,
Als es mit der Maus nicht klappte,
Sich den Joint und flog ins Nest,
Raucht ihn dort und hält sich fest,
Weil sich alles um ihn dreht,
Bis er laut um Gnade fleht.
Rosa Mäuse, Elefanten,
Und des Käuzchens tote Tanten,
Alle tanzten wild umher:
Armes Käuzchen, träumst du schwer?
Als am Morgen es erwachte,
War das erste, was es dachte,
Ich jag keine Mäuse mehr
Und wird‘ Vegetarier.

Helmuth Engels

 

Der Fan
Die Amsel schüttelt ihren Kopf,
Seit gestern trägt ihr Mann ‘nen Zopf.
Sie liest ihm auch gleich die Leviten,
So etwas lässt sie sich nicht bieten.
Sie zwitschert laut: „ Du eitler Tropf
Siehst fast aus wie ein Wiedehopf!
Du bist doch nicht Karl Lagerfeld,
Der sich für was Besondres hält!
Die Balz ist auch schon lang vorbei,
Komm rauf ins Nest und wärm das Ei.“
Das Amselmännchen folgt sogleich,
Da wird das Amselweibchen weich.
Sie hört sofort auf laut zu wüten
Und lässt den Gatten einfach brüten.
Der denkt: „Warum ist sie so bieder?
Ich hör so gerne Mozarts Lieder.
Seine Stücke will ich singen,
Sollt‘ mir das nicht recht gelingen,
So hab ich auf meinem Kopf,
wenigstens ‘nen Mozartzopf!“
(Moral: Jedes Ding hat halt zwei Seiten,
Die uns oft zum Streit verleiten.
Der wird –ist er erst vertont-
Zum Duett, das uns belohnt.)

Helmuth Engels

 

Theater
Ein Eichelhäher – schizophren,
Würd gern als Bussard angesehn.
Er spreizt die Flügel auch ganz weit,
Doch ist er wohl nur halb so breit,
Wie der, der er so gerne wär.
Ach, hat’s der Eichelhäher schwer.
Und auch sein Schrei ist so dezent,
Dass jedes Tier sogleich erkennt:
„Da übt nur jemand Mimikry,
Doch in Gefahr bringt er mich nie!“
So bleibt der Eichelhäher weiter,
Ein spöttisch bunter Wegbegleiter.

Helmuth Engels

 

Moritat vom unglücklichen Leben der Ringeltaube Bertha und ihrem schrecklichen Ende im Eiswinter des Jahres 2010 zu Lübeck
Im Februar zweitausendzehn
Hab ich die Bertha liegen sehn.
Ihr braunes Auge war gebrochen,
Bei Hitze hätt‘ sie schon gerochen.
Hier wird ihr Leben kurz erzählt
Und warum sie den Tod gewählt.
Sie war die Kleinste im Gehege
Und kriegte nicht die beste Pflege.
Dann hat sie einer von den Großen
Kopfüber aus dem Nest gestoßen.
Sie fing sich grade noch beim fallen
An einem Ast mit ihren Krallen
Und kletterte daran hinab,
So dachte sie, ins frühe Grab.
Die Eltern hat sie schnell vergessen
Und Bertha fand nicht viel zu fressen.
Nur ab und zu ein kleines Körnchen
Und Krümel von dem Schokohörnchen,
Die eine alte Frau verstreute,
Die sich an Berthas Gurren freute.
So wurde Bertha langsam groß,
Da regt sich was in ihrem Schoß.
Sie wollt‘ eine Familie gründen
Und musst‘ noch einen Täubrich finden.
Der Tauber Berthold wurd ihr Mann,
Weil er so feurig tanzen kann.
Er zeigt ihr auch zum Hochzeitsfest
Ganz schnell das neue Liebesnest.
Gar fleißig hat sie dort gebrütet,
Das Schicksal hat sie nicht behütet:
Die Elster hat den Sohn genommen,
Kaum, dass er aus dem Ei gekommen
Und eine Katze nahm der Mutter
Das Töchterlein – zum Morgenfutter.
Berthold, der nicht treu sein kann,
Ist ihr kein guter Ehemann.
Statt seine Frau jetzt mal zu trösten,
Hält er sich für den Allergrößten.
Er plustert sich vor jeder Taube
Und gurrt hernach vom Samenraube.
Er tät das alles nicht aus Liebe,
Er hätte nur so starke Triebe.
Die Bertha ist nur noch verstört,
Wenn sie von den Amouren hört.
Sie zieht sich immer mehr zurück
Und glaubt nicht mehr ans Lebensglück.
In einer kalten Winternacht
Hat sie sich auf den Weg gemacht.
Zu Lübeck, auf des Domes Haube,
Hockt Bertha, eine Ringeltaube.
Sie will sich in die Tiefe stürzen
Um so ihr Leben abzukürzen.
Zum Himmel geht ihr letzter Blick
Und sie schaut ohne Gram zurück,
Stürzt sich zur Erde wie ein Pfeil
Und bleibt beim Aufprall nicht ganz heil.
Ein Flügel ward ihr abgerissen,
Doch Bertha wird ihn kaum vermissen.
Kopfüber in dem harschen Schnee
Tut Bertha endlich nichts mehr weh.
Der Schnee färbt sich ganz langsam rot
Und Bertha ist jetzt wirklich tot.
Sie träumt in ihrem ew’gen Schlummer
Von einem Leben ohne Kummer,
Das sie auf Erden nicht gefunden.
Die Ewigkeit heilt alle Wunden.

Helmuth Engels

Hommage an die Brennessel

Geschrieben von einer Teilnehmerin der Wildnispädagogischen Weiterbildung

Hüterin der Schwelle

Du trügst die Sinne.
Dein Geschmack ist eisig, dein Erscheinungsbild zeugt von wenig natürlicher Ästhetik, wenn man dich berührt tuts weh. Dein Äußeres schreckt erstmal ab!
Bei näherer Betrachtung jedoch wirst du immer schöner.

Du wirst verkannt und missachtet von denen, die das Feuer scheuen oder vielleicht auch nicht ertragen können. Die Angst sich zu verbrennen oder mit deinen Nesseln in Berührung zu kommen löst nur wenig Wohlbehagen aus.

Am Anfang schienst du mir unantastbar zu sein, weil ich nicht so recht wusste, wie ich dich zu nehmen habe. Konnte nicht so viel mit dir anfangen. Dein Wert hat sich nur langsam mir offenbart.

Ein Dichter hat dich mal mit einem alten Mann mit grummligen Gebarden und doch mit helfendem Herzen verglichen.
Das wohl nicht gleich zum Vorschein kommt.

So ganz unscheinbar wertest Du deine Umwelt auf.
Dank deiner Existenz fliegen die schönen Schmetterlinge um uns herum, die mit ihrer Schönheit die Welt erfreuen.

Verwoben mit der Mutter Erde zu einem Labyrinth der Meister, sorgst du dafür dass die Erde ihr Gleichgewicht wieder herstellen kann.
Du bist ein Pionier, der dafür sorgt, das neues Leben entstehen kann.

Vor langer, langer Zeit hat man dich gerne in der Nähe seines Hauses gehabt.
Die Menschen glaubten daran, dass du, wie das Kettenhemd eines Ritters, vor den Pfeilen der schlechten Gedanken des Neids und der Missgunst bewahrst.

Wenn du erstmal da bist, wird man dich so schnell nicht wieder los.
Am wohlsten fühlst du dich mit deiner Familie in den Übergängen, so wie am Rand eines bestellten Feldes oder Pforte eines Waldes. Der Beton der Stadt hält dich nicht ab und du findest deinen Weg fast überall.

Im Medizinrad giltst Du als Wesen der Dämmerung. Am Wegesrand bewachst du ganz still und heimlich die Pforten zu einer anderen Welt.
Dafür stehst du!

Wenn jemand starb, sagten die Alten „Er ist in die Nesseln gegangen“. Was soviel bedeutet, wie er befindet sich in der Zwischenwelt und von da aus wird er abgeholt in das Reich der Toten.

Schon seltsam, dass du gleichzeitig jemand bist, der deine Umgebung fruchtbarer werden lässt.
Aber gleichzeitig die Verbindung zwischen Leben und Tod darstellst.

Werden und vergehen.

————–Pause

Was bedeutest du für mich – Spiegel meiner Selbst

Ich selbst bewege mich auch gerne am Rande.
Wenn ich zurückblicke, gibt es viele Menschen, die ich an der Schwelle zum neuen Lebensabschnitt, begleitet habe. Ich ziehe das unweigerlich an und es begleitet mich Zeit meines Lebens, wie ein roter Faden.

Du lässt mich erkennen, dass mein Wesen dir gleicht. Schon fast eine Art Seelenverwandtschaft. Hast du mich ausgewählt oder war ich das, die dich suchte. Schwestern im Geiste vielleicht?

Jemand sagte über mich: wenn du stichst, kommt der Schmerz direkt und ohne Verzögerung, was manchmal auch sehr heilsam sein kann.

Du bist erdig, doch trägst du viel Feuer in dir. Dein lateinischer Name ist Urtica, was übersetzt BRENNEN bedeutet.

Feuer und Erde sind die dominanten Elemente, die ich in mir trage. Auch DAS haben wir gemeinsam.
Feuer und Erde sind unsere Hauptelemente.
Das Feuer kann wärmen, kann aber auch alles zerstören. Die Erde anderseits gibt Form und Widerstand.

Feuer-Menschen brauchen viel Zuwendung, strahlen aber meist das Gegenteil aus, deshalb geht es auch hier darum, tiefe Gefühle zuzulassen.

Ich weiß, das ich das nicht ausstrahle, meine Nesseln sind auch nicht sichtbar, ich verteidige mich obwohl es meist keinen Anlass dafür gibt. Was für meinen wehrhaften Charakter spricht.
Ich bin mir nicht sicher, ob die Brennessel viel Zuwendung braucht.
Ausstrahlen tut sie es jedenfalls nicht.

Sie steht meist nicht alleine da, sondern immer im Kreise ihrer Familie, die ihr vielleicht die Zuwendung gibt, die sie braucht.

Die Erde jedoch bewegt sich nicht, wenn sie nicht bewegt wird. Sie steht für Festigkeit, Struktur, Form und Halt.
Das erdige Denken orientiert sich am Vertrauten und Bewährten. Die Erde macht uns verbindlich, zuverlässig und vertrauenswürdig.

Erde sorgt für unser Gleichgewicht und hilft auch dabei unser Feuer nicht zerstörerisch werden zu lassen.

————– Pause

Wohltätig ist des Feuers Macht
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
Und was er bildet, was er schafft,
Das dankt er dieser Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft,
Einhertritt auf der eignen Spur
Die freie Tochter der Natur.
Wehe wenn sie losgelassen,
Wachsend ohne Widerstand
Durch die volksbelebten Gassen
Wälzt den ungeheuren Brand!

——————Pause

Ein schönes Gefühl dich näher kennen gelernt zu haben und dich von nun an in meinem Leben zu haben. Ich freue mich auf zukünftige Begegnungen mit dir.

Praktikumsbericht von Christoph Roscher

Während des Studiums habe ich viel über organisatorische, planerische und rechtliche Aspekte des Naturschutzes erfahren und konnte dadurch einen Überblick gewinnen, wie der Naturschutz auf diesen Ebenen funktioniert. Aber viele meiner Fragen orientieren sich vor allem am Menschen: Welche Beziehung hat der Stadtmensch zur Natur? Was kann Naturverbundenheit bedeuten? Warum pflegen so viele Menschen ungeachtet der Folgen einen Lebensstil, der sich zerstörerisch auf ihre Umwelt und sie selber auswirkt? Warum wird der belebten Umwelt so wenig Respekt geschenkt und die Natur oft nur als Rohstofflieferant wahrgenommen? Was kann man tun, um Menschen dazu zu bringen, mehr Verantwortungsgefühl für ihre Mitwelt zu entwickeln? Außerdem wollte ich neue Wege kennenlernen, um meine Beziehung zur Natur intensiver zu gestalten oder neue Sichtweisen darauf zu gewinnen.

 
Ganzer Bericht als PDF

Eine Auwaldgeschichte

Hier folgt ein kleiner Bericht meines frühmorgendlichen Waldbesuchs in der Nähe von Bernburg. Ich wollte unbedingt vor Sonnenaufgang im Wald sein, denn ich hatte vor, Rehe zu beobachten und mal wieder etwas gegen meine Wildschweinphobie zu tun. Dafür ist die Dämmerung ideal. Also bin ich um 5 aufgestanden und mit dem Fahrrad Richtung Aderstedter Auwald gefahren. Diesmal habe ich darauf geachtet, dass meine Hose und mein Rucksack aus Baumwolle waren, damit ich mich geräuscharm fortbewegen konnte. Meine Kleidung hielt ich in Grün- und Brauntönen. Außerdem zog ich trotz nasskalter Witterung nicht wie sonst die dicken Wanderschuhe, sondern meine löchrigen Tramper an. Die halten zwar kein Wasser ab, aber dafür macht deren Leder keine Geräusche und die Sohle ist so dünn, dass man jedes Stöckchen darunter merkt. Nachdem ich mein Fahrrad versteckt und mit vertrocknetem Gras getarnt hatte, ging ich ein paar Meter den Radweg entlang, habe noch etwas von der Stimmung über dem Sumpf links von mir aufgesogen und bin dann nach rechts direkt auf einen Wildpfad in den Wald eingebogen. Als erstes fiel mir auf, dass der morastige Boden übers.t war mit heruntergefallenen Zweigen. Die kamen von den vielen alten Weiden. Es knackte und knisterte bei jedem meiner Schritte. Mit diesen Begleitgeräuschen würde ich von allen Tieren schnell entdeckt werden, also brauchte ich eine Lösung für dieses Problem. Ich war so neugierig und gespannt, was oder wer mir in diesem Wald begegnen würde, dass es mir schwer fiel, gelassen zu bleiben und mich langsam zu bewegen. Also versuchte ich mich auf den jetzigen Moment zu konzentrieren, nahm mir Zeit und wurde immer langsamer. Hin und wieder blieb ich stehen, habe mich in aller Ruhe umgesehen und gelauscht, habe nach links, rechts, hinten gehört. Meine Schritte wurden kleiner, ich legte keinen Wert mehr darauf, möglichst schnell voran zu kommen. Hinter jedem Gebüsch könnte sich ein Reh verstecken oder schon auf der nächsten Lichtung äsen. Außerdem wollte ich vermeiden, bedrohlich auf die Vögel um mich herum zu wirken, denn deren Alarmrufe würden andere Tiere vor mir warnen.
 
Ich stellte fest, dass es mir wenig nützt, mit den Augen zu schauen, wo man am besten hintreten kann, ohne dass es knackt. Die Fü.e sind viel besser darin, diese Stellen zu finden. Also hob ich meinen Blick wieder und versuchte mein gesamtes Sichtfeld zu nutzen. Meine Fü.e machten ihre Sache gut: ich wurde immer leiser. Als ich wieder einmal stehen blieb, um mich umzusehen, fiel mir auf dem Waldboden etwas auf: die frisch gekeimten Kräuter waren auf einer ovalen Fläche plattgedrückt. Sofort dachte ich bzw. wünschte mir, dass ein Reh sich hier zum Ausruhen hingelegt haben könnte. Ich dachte mir: so lange kann es nicht her gewesen sein, dass das Tier sich hier aufhielt. Von meinen Balkonkräutern weiß ich, dass sich plattgedrückte Keimlinge ziemlich schnell wieder aufrichten – innerhalb von wenigen Stunden. Es war also möglich, dass das Tier noch in der Nähe war. Als ich mir die Stelle genauer anschaute, fand ich einige Haare, die ich einem Reh zugeordnet hätte, aber festlegen wollte ich mich nicht. Probehalber (und hoffnungsvoll) legte ich eine Hand auf den Körperabdruck, doch die Erde war schon kalt. Die ganze Zeit spielte um mich herum ein harmonisches Vogelkonzert ohne größere Zwischenfälle. Ein Zaunkönig sang so laut, dass es beinahe in den Ohren weh tat. Ein Buchfinkmann erschien ein paar Meter vor mir. Als er mich auf sich zu schleichen sah, unterbrach er sein Lied mitten in der Strophe. Ich blieb stehen. „Störe nie einen Vogel bei seinem Dankesgebet an die Schöpfung“, dachte ich. Ein helles „pink“ ertönte. Abwarten…..gegenseitiges Beäugen….hm….Nichts? Na gut, alles okay. Und weiter ging das Finkenlied und ebenso meine Schleichtour. Nun war ich gefühlte 45 Minuten unterwegs und bin etwa 200 Meter weit gekommen. Zwischen den Bäumen am Horizont schob sich nun eine dunkelorange Scheibe durchs Geäst. Die ersten schüchternen Sonnenstrahlen brachten die dunstige Luft zum Leuchten. Plötzlich hörte ich ein raues Bellen, nicht weit entfernt. Ich kannte diesen Laut von aufgescheuchten Rehen. Das Geräusch kam von der Wiese links von mir, die ich aber nicht einsehen konnte wegen der Gebüsche am Waldrand. War etwa ich der Auslöser für das Bellen? Ich war schon enttäuscht, dass ich das Reh verscheucht hatte, ohne es gesehen zu haben, da tauchte es plötzlich zwischen den Sträuchern im Gegenlicht der aufgehenden Sonne auf und kam auch noch genau in meine Richtung gelaufen.
 
Sofort fing mein Herz heftig an zu schlagen. Ich spürte sogar kurzzeitig einen Fluchtreflex, blieb aber wie angewurzelt stehen. Es war eine Ricke, die ziemlich aufgebracht wirkte. Sie war nur ungefähr 5 bis 10 Meter von mir entfernt. Da entdeckte sie mich und machte sofort eine Kehrtwende. Doch sie flüchtete nicht, sondern blieb stehen, schaute angespannt in meine Richtung und war offenbar irritiert von diesem Objekt, was nicht so recht in das Bild des Waldes passte, aber wohl auch nicht sonderlich gefährlich wirkte. Ich versuchte, mich nicht zu bewegen, was aber mit einem so heftig pochenden Herz keine leichte Sache war. Kurz überlegte ich, ob ich leicht hin und her wanken sollte, um wie ein im Wind sich wiegender Baum zu wirken, doch irgendwas hielt mich davon ab. Später verstand ich, warum das keinen Sinn gemacht hätte: es wehte kein Wind. Ich bin sicher, dass Rehe wissen, dass Bäume – selbst außergewöhnliche – sich bei Windstille nicht bewegen. Ich versuchte, die Ricke mit meinem Blick nicht zu fixieren und sie eher aus dem Augenwinkel heraus zu beobachten. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass Rehe so gute Augen haben, dass sie sehen können, ob man sie direkt anschaut. Trotzdem hatte ich das Gefühl, für sie noch am ehesten als ungefährliche, wenn auch absonderliche Nebensächlichkeit durchzugehen, wenn ich an ihr vorbei schaue, statt sie anzustarren. Ich rechnete immer noch damit, dass die Ricke irgendwann erkennt, oder zumindest riecht, wen sie da vor sich hat, um dann die Flucht zu ergreifen. Doch zu meiner Überraschung lief sie in einem Halbkreis um mich herum und starrte mich immer wieder an. Für diese Ricke war meine Erscheinung wohl ein riesiges Rätsel. Immer wieder bellte sie. Erstaunlich, was so ein zartes Tier für Geräusche hervorbringen kann. Irgendwas musste sie auf der Wiese, von der sie kam, in Aufregung versetzt haben. Erst nach ein paar Minuten bewegte sie sich schließlich weg von mir in Richtung Dickicht und verschwand lautlos im Unterholz, aber nicht ohne mich weiterhin mit ihren nach hinten gerichteten Ohren zu beobachten. Nun konnte ich meine Existenz als Baum wieder aufgeben. Meine Anspannung löste sich in Heiterkeit auf. Noch nie hatte ich ein Reh aus solcher Nähe so lange beobachten können, ohne dass es panisch vor mir flüchtete. Ich fühlte mich total beschenkt. Nun versuchte ich mich daran zu erinnern, welche Vögel während der Begegnung gesungen hatten, aber da war nichts aufzufinden. Ich war so auf das Reh und meine Bewegungslosigkeit konzentriert, dass ich nichts von den Gesängen und Geräuschen um mich herum wahrnahm.
 
Dann zog ich weiter. Wieder im Schneckentempo. Ich hoffte, die Ricke vielleicht wieder aufzufinden, also bewegte ich mich weiterhin so lautlos wie möglich. Ich kam an eine von Wildschweinen durchpflügte Lichtung, auf der eine recht junge, aber kräftige Eiche stand, deren Äste mit Moos bewachsen waren. Um einen Überblick über die Lichtung zu bekommen und weil ich Wildschweine im Falle des Falles lieber von oben beobachten wollte, kletterte ich hoch und blieb eine Weile dort sitzen. Ich machte es mir gemütlich und nutzte die Gelegenheit, um über die Geisteshaltung eines Rehes zu sinnieren.
 
Ich saß dort einige Zeit, habe schwatzenden Eichelhähern gelauscht und Schwarzmilane wiehern hören. Vor allem Buchfinken, Zaunkönige, Zilpzalpe und Meisen bildeten die akustische Untermalung für diesen nebligen Sonnenaufgang. Die Eiche stand einzeln, erst in ein paar Metern Entfernung befanden sich andere Bäume. Links von mir wuchsen Erlen direkt am Wasser, rechts riesige Pappeln, deren dicke Stämme in diesem Licht irgendwie unwirklich und respekteinflößend aussahen. Ich musste an Dinosaurierbeine denken. Und dann entdeckte ich tatsächlich die Ricke wieder. Geschmeidig schlich sie in vielleicht 150 Meter Entfernung durch das Unterholz. Hin und wieder legte sie ein paar Meter springend zurück, bis sie sich abermals meinen Blicken entzog. Nichts war von ihr zu hören. Wie schaffte sie es, noch nicht mal dann Geräusche zu machen, wenn sie sich springend durch den Wald bewegt?
 
Irgendwann zog mich der Hunger wieder von der Eiche herunter. Ich ging zurück in die Richtung, aus der ich gekommen war und pflückte ein paar duftende Minzblätter, als ich direkt über mir den spitzen Alarmruf eines Stares hörte. Stare kenne ich als meist recht entspannte Vögel, die sich nicht über jede Kleinigkeit aufregen, wie zum Beispiel Amseln es gerne tun. Der Alarm musste also einen triftigen Grund haben. Ich drehte mich um, schaute nach oben und sah keinen Star, dafür aber einen Sperber sanft über den Baumkronen dahingleiten. Kein Zweifel: er war der Grund für den Alarm, da er einer der gefürchtetsten Vogeljäger ist. Diesmal achtete ich auf die Geräusche meiner Umgebung. Es war stiller geworden. Nur wenige Alarmrufe waren zu hören. Manche Vögel haben aber auch unbeirrt weitergesungen. Haben sie den Alarmruf des Stares nicht bemerkt? Oder haben sie die Situation besser einschätzen können und erkannt, dass der Sperber gerade nicht auf der Jagd war? Ohne weitere Auffälligkeiten verschwand der Greifvogel wieder und die Lage entspannte sich allmählich.
 
So langsam wurde es Zeit fürs Frühstück, also verließ ich mit nassen und kalten Fü.en, dafür aber reich beschenkt, den Auwald. Ich bin immer noch nicht sicher, ob ich froh oder enttäuscht darüber sein soll, keine Wildschweine gesehen zu haben. Vielleicht ist es aber auch besser, erst einmal die Rehe kennenzulernen, bevor ich Bekanntschaft mit den wehrhaften Borstenrüsslern schließe, die mir überhaupt nicht geheuer sind. Dieser Ricke jedenfalls werde ich wohl ab jetzt öfter mal einen Besuch abstatten…
 
Bernburg, 12. April 2014