Wildnis Kontrovers

Ammenmärchen oder Wahrheit

Das menschliche Weltwissen ist nichts anderes als eine ständige, zu ihrer Zeit größtmögliche Annäherung an die Realität – mit Erkenntnissen, die revidiert oder umgestoßen werden müssen, wenn es, zum Beispiel durch neue wissenschaftliche Methoden, neue Erkenntnisse gibt, die ihnen widersprechen. So ist es auch in der Naturkunde.

Schwalben ziehen sich im Winter in geschützte Höhlen nahe ihrem Brutplatz zurück, wo sie federlos in eine Art Starre fallen. So jedenfalls steht es in Buch acht der Historia animalium (1), in der der angesehene Denker Aristoteles das Tierwissen seiner Zeit zu ordnen und zusammenzufassen begann. Und noch im 18. Jahrhundert soll Carl von Linné der Auffassung gewesen sein, dass Schwalben im Schlamm von Teichen überwintern. Erst 1899 kam es zu den ersten realitätsnäheren Erkenntnissen über den Vogelzug, als nämlich der Däne Hans Christian Mortensen begann, Vögel zu beringen. Heutzutage ist es möglich, Vögel zum Beispiel mit Mini-Geolokatoren auszustatten und damit an präzisere Daten über den Vogelzug zu kommen. So manche bisherige Annahme wird sich damit als falsch oder ungenau herausstellen, und wir Menschen müssen wieder einmal altes Wissen aussortieren und neues hinzufügen. Heute weiß man, dass Schwalben nach Afrika bis weit südlich der Sahara fliegen, um dort zu überwintern.

Doch nicht immer wird aussortiert. Manche veraltete Annahme hält sich beharrlich oder Behauptungen werden wiederholt, bis sie zum Mythos geworden sind, oder besser: zum Ammenmärchen. Je kurioser, desto beliebter. Die Rede ist hier nicht vom Storch, der die Kinder bringt, sondern von einem Fall korrekter, aber falsch angewandter Berechnungen.

Hummeln können nach den Gesetzen der Aerodynamik nicht fliegen, so stand es in dem 1934 veröffentlichten Buch „Der Flug der Insekten“ (2) des Entomologen Antoine Magnan: „Ich habe die Gesetze des Luftwiderstands auf Insekten angewandt und bin mit Monsieur Sainte-Laguë zu dem Schluss gekommen, dass ihr Flug unmöglich ist.“ (3) So, so.

Magnan und sein Mitarbeiter Sainte-Laguë untersuchten den Flug der Insekten, um daraus Rückschlüsse für die Flugzeugmechanik ziehen zu können. In diesem Fall ist es nicht so, dass ihre Berechnungen falsch wären, nur unterscheiden sich Flugzeuge und Insekten zu sehr, als dass man sie in gleicher Weise auf ihre Flugfähigkeit anwenden könnte, wie man inzwischen weiß – und vermutlich auch seinerzeit schon ahnte. Die Welt ist bereichert um einen niedlichen Mut-mach-Spruch: „Du schaffst das schon. Hummeln können ja auch nicht fliegen und tun es trotzdem.“ Aber ernst sollte man das nicht nehmen. Dass das Unmögliche möglich wird, bedeutet es leider nicht.

Nun ist es ja durchaus klug, in der Natur nach Phänomenen zu suchen, die sich auf die Technik übertragen lassen, schließlich ist die Evolution eine Meisterin im Finden raffinierter Lösungen. Manche neue Erkenntnis löst daher Forschungen in ganzen Wirtschaftszweigen aus, Stichwort: Bionik. Schlecht nur ist es, wenn die angenommene Erkenntnis sich später als falsch erweist. So ergab 2011 eine Studie zur Kopfstruktur von Spechtschädeln, dass deren Aufbau und bestimmte Knochenstrukturen eine stoßdämpfende Wirkung haben. (4) Weitere Studien schienen diese Aussage zu bestätigen. Spechte hämmern bei ihrer Futtersuche, beim Bau einer Höhle oder zur Kommunikation bis zu zwanzigmal pro Sekunde mit einer Geschwindigkeit von circa fünfundzwanzig Kilometern pro Stunde auf das Holz. Die Frage liegt also nahe, wieso sie dabei keine Gehirnerschütterung bekommen.

Entwickler von Helmen versuchten, die angebliche stoßdämpfende Wirkung im Aufbau des Spechtkopfs auf den Aufbau von Helmen zu übertragen. Aber Moment mal! Heißt es nicht oben: Spechte hämmern? Ist da eine stoßdämpfende Wirkung nicht kontraproduktiv? Wer möchte schon mit einem stoßgedämpften Hammer einen Nagel in die Wand schlagen? Tatsächlich erschien 2022 eine andere Studie, die genau das Gegenteil besagte, nämlich dass die Schädelstruktur des Spechts die Hämmersteifigkeit und damit die Aufschlagskraft noch unterstützt. (5) Für diese Studie wurden Hochgeschwindigkeitsvideos von Spechten beim Hämmern ausgewertet. Dass die Vögel dabei keine Gehirnerschütterung erleiden, wird mit deren kleinem, leichtem Gehirn erklärt, das beim Hämmern mit deutlich weniger Kraft – nur 39 bis 60 Prozent – gegen die Schädelwand schlägt, als es zum Beispiel beim Menschen der Fall wäre. Sollte eine Mutation einmal Spechte mit größeren, schwereren Gehirnen oder auch mit stärkeren Nackenmuskeln hervorbringen, tja, dann hätten diese vermutlich ständig Kopfschmerzen und alles andere als Fortpflanzung im Sinn.

Tragisch ist es, wenn eine gutgemeinte Maßnahme zum Naturschutz den Missstand nur verschärft. In den Siebzigerjahren fiel auf, dass im Spätsommer unter Silber- und Krimlinden oft Hunderte tote Hummeln lagen, und es wurden Untersuchungen dazu eingeleitet. Man kam zu dem Schluss, dass der giftige Stoff Mannose, eine Art Zucker, im Nektar dieser Linden enthalten sein müsse. Manche Silberlinde – eigentlich ein beliebter Stadtbaum, da sie so trockenheits- und staubresistent ist – wurde daraufhin gefällt. Erst in den Neunzigerjahren wurde mit ausgeklügelten wissenschaftlichen Methoden das Phänomen Hummeltod unter Silberlinden neu untersucht. (6) Lichtschranken in den Gängen von Hummelnestern lösten Computerwaagen aus, und so konnte das Gewicht der einzelnen Hummeln, die von ihrem Sammelausflug zurückkamen, genau gemessen werden. Das Ergebnis: Die Sammlerinnen finden um diese Zeit im Jahr in den Silberlinden einige wenige Tage ausreichend, aber schon bald kaum noch Nektar, zu wenig, um sich am Leben zu erhalten. In den immer sterileren Landschaften ist es fast nur noch die Silberlinde, die so spät im Jahr blüht und Nektar bietet, aber nicht genug, um das Fehlen all der als „Unkraut“ vernichteten Kräuter und anderer Spätblüher auszugleichen und all die Insekten zu ernähren, die sie jetzt umschwirren. Die Hummeln verhungern.

Ist ein bisschen Grusel dabei, werden Geschichten besonders gern wiederholt. Irgendwann sind Fakt und Fiktion dann nicht mehr auseinanderzuhalten und ein neues Ammenmärchen ist geboren: „Drei Hornissenstiche töten einen Menschen und sieben ein Pferd.“ Nein, tun sie nicht. Hornissenstiche sind in etwa vergleichbar mit Bienen- oder Wespenstichen.

Aber das Gift der Ölkäfer ist tödlich für Menschen, oder? Nun, man müsste schon ziemlich viele Käfer essen, um daran zu sterben. Bisher ist kein Fall bekannt, bei dem ein Mensch vom Verspeisen eines einzigen Ölkäfers gestorben ist. Ölkäfer sondern, wenn sie sich bedroht fühlen, ein Wehrgift ab, das Cantharidin enthält. Das ist ein Reiz- und Nervengift, das bei Berührung zu Blasen und Hautreizungen führen kann. Man sollte sich also die Hände waschen, wenn man den Käfer angefasst hat. Besser noch: Man berührt ihn erst gar nicht und bringt das auch seinem Kind so bei. So bleiben Käfer und Mensch glücklich.

Ölkäfer gibt es schon lange in Deutschland, aber ob das auch weiterhin so bleibt, ist ungewiss. Sie haben eine hochkomplexe, störanfällige Entwicklung von der Larve bis zum ausgewachsenen Käfer, die mit bestimmten Wildbienenarten verbunden ist, häufig sind es Sandbienen. Diese werden weniger, und das bedeutet auch weniger Nachkommenschaft des Ölkäfers. (7) Mittlerweile zählen Ölkäfer zu den gefährdeten Arten.

Es nützt nichts. Wenn wir kompetent mitreden, vielleicht sogar entscheiden wollen, müssen wir uns auf dem Laufenden halten. Wir müssen Ergebnisse oder Maßnahmen hinterfragen, wenn sie uns unwahrscheinlich oder zu simpel erscheinen. Wir müssen bereit sein, Entscheidungen als falsch anzuerkennen und wieder zurückzunehmen, wenn neue Ergebnisse das nahelegen. Auch die Unbequemlichkeit des differenzierten Denkens gehört dazu. Zum Beispiel gilt Cantharidin in angemessener Dosierung als Heilmittel, im Übermaß ist es gefährlich.

Und der gesunde Menschenverstand sollte sowieso immer mit dabei, weshalb wir: Insektenweide anbauen, so viel es nur geht; sicherheitsbewusst Motorrad fahren, egal welchen Helm wir aufhaben; nicht wahllos Käfer essen; und nie, wirklich niemals in ein Flugzeug steigen, das die Rumpfform einer Hummel, aber Flügel wie ein Flugzeug hat.

Von Clemens M. Brandstetter, Buers – Selbst fotografiert, GFDL, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17691566

(1) Siehe https://classics.mit.edu/Aristotle/history_anim.html

(2) Antoine Magnan. Le vol des insects. Herman, 1934.

(3) „Tout d’abord poussé par ce qui se fait en aviation, j’ai appliqué aux insectes les lois de la résistance de l’air, et je suis arrivé avec M. Sainte-Laguë à cette conclusion que leur vol est impossible“, siehe Antoine Magnan – Wikipedia.

(4) Sang-Hee Yoon und Sungmin Park. A mechanical analysis of woodpecker drumming and its application to shock-absorbing systems, siehe A mechanical analysis of woodpecker drumming and its application to shock-absorbing systems – PubMed (nih.gov).

(5) Van Wassenbergh et al., 2022, Current Biology 32, 3189–3194,  July 25, 2022 ª 2022 Elsevier Inc. Siehe: S0960-9822(22)00855-7.pdf (cell.com)

(6) Zusammenfassender wissenschaftlicher Artikel: Do linden trees kill bees? Reviewing the causes of bee deaths on silver linden (Tilia tomentosa) | Biology Letters (royalsocietypublishing.org) Biology Letters 13 (9), 2017.

(7) Wer mehr zum Ölkäfer und seiner Entwicklung vom Ei über mehrere verschiedene Larvenstadien bis zum Imago wissen möchte, dem sei dieser Artikel (https://www.senckenberg.de/de/institute/sdei/senckenberg-deutsches-entomologisches-institut-insekt-des-jahres/insekt-des-jahres-2020/) aus dem Senckenberg-Institut empfohlen.